Wenn wir an Natur denken, sehen wir Wälder, Seen, Tiere oder blühende Wiesen. Doch eines der wichtigsten Naturwunder liegt verborgen unter unseren Füßen: der Boden. Er ist unscheinbar, leise und voller Leben. Seine Aufgaben sind vielfältig und ohne ihn würde unser Ökosystem nicht funktionieren.

Stell dir vor, unter jedem Schritt, den du machst, lebt eine ganze Welt: Milliarden von Bakterien, Pilzen, Springschwänzen, Würmern und winzigen Insekten. In einem einzigen Teelöffel gesunden Bodens - das sind gerade einmal fünf Gramm - leben mehr Organismen als Menschen auf der Erde. Unter einem Hektar Land leben 15 Tonnen Bodenlebewesen. Das entspricht dem Gewicht von 20 Kühen. Diese kleine Welt sorgt dafür, dass Pflanzen wachsen können. Sie baut Laub und Pflanzenreste ab, verwandelt sie in Nährstoffe und hält den Boden locker und fruchtbar. Ohne dieses Zusammenspiel gäbe es weder Wälder noch Gemüse, weder Ackerflächen noch Obstgärten.
Der Boden ist der Ursprung fast aller unserer Lebensmittel. 95 Prozent aller Nahrungsmittel entstehen im, auf oder durch den Boden unter unseren Füßen. Fruchtbare Erde ist also die Grundlage jeder Ernährung.

Ein gesunder Boden wirkt wie ein riesiger Schwamm. Er nimmt Wasser auf und schützt uns so vor Überschwemmungen und Dürren. Gewachsener Boden mit einem hohen Anteil an organischem Material, also Pflanzenresten, Pilzen, Bakterien und anderen Bodenlebewesen, hält das Wasser am besten und gibt es dann nach und nach ab. Humus, Mineralboden und Gestein, also die oberen Schichten des Bodens, schützen das Grundwasser vor Schadstoffen, filtern es und halten es so sauber.

Wir alle kennen das Phänomen, wenn es im Sommer in der Stadt schier unerträglich heiß, auf dem Land hingegen durchaus angenehm ist. Der Grund dafür: Durch die Verdunstung des Wassers aus den Pflanzen und den unversiegelten Böden kühlt sich die Luft merklich schneller ab, als sie es über asphaltierten Straßen tut. Das verdunstete Wasser erhöht zudem die Luftfeuchtigkeit. Boden und Klima befinden sich in einer wechselseitigen Beziehung.
Böden speichern fünf Mal so viel Kohlenstoff wie alles Leben oberhalb der Erde und doppelt so viel wie unsere Atmosphäre. Durch die Pflanzen gelangt rund die Hälfte des Kohlenstoffes in den Boden und wird dort gespeichert.
Mit bloßem Auge sind viele seiner Bewohner allerdings nicht zu sehen: Wimperntierchen, Wurzelfüßer und die Geißeltierchen sind max. 0,2 Millimeter groß und übernehmen als kleinste Lebewesen unter der Erdoberfläche große Aufgaben. Sie fressen Pilze und Bakterien und setzen durch ihre Ausscheidungen Nährstoffe frei, die den Pflanzen im Wurzelbereich wieder zur Verfügung stehen. Doch die kleinen Lebewesen sind noch mehr: eine gute Beute. Und ihre Räuber warten schon auf sie.
Fadenwürmer, Milben und Springschwänze sind nur mit der Lupe zu erkennen und ernähren sich von Ihnen. Und trotzdem leisten sie wichtige Arbeit. Sie regulieren das Mikro-Ökosystem und binden jede Menge Nährstoffe und Wasser. Zudem sind sie auch selbst beliebte Hauptspeise für die nächst größeren Bodenbewohner. Dazu gehören Borstenwürmer, Schnecken, Spinnen, Asseln, Vielfüßler, Käfer und Larven. Sie vertilgen jede Menge kleine Tiere und pflanzliches abgestorbenes Material, sind also maßgeblich an den Abbauprozessen im Boden beteiligt.
von links nach rechts:
Rollassel, Schnurfüßer, Raubmilbe mit Regenwurm (Fotos: Andreas Hurtig)
Zu den größten Bodenbewohnern gehören die Regenwürmer. Mit über 20 Zentimetern Länge ist der Regenwurm sozusagen der Chef im Ring. Regenwürmer sind in der Lage, den Boden umzugestalten. Bei der so genannten Bioturbation krempelt der Regenwurm den Boden einmal komplett um. Und: Je mehr Regenwürmer, desto gesünder der Boden.
Im Bodenleben hat also jedes Lebewesen seine Aufgabe, alle arbeiten Hand in Hand. Das ist für das Funktionieren aller Ökosysteme essenziell.
Viele der genannten wichtigen Funktionen des Bodens geraten leider in Gefahr. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Jede Straße, jeder Parkplatz, jedes Industriegebiet und jede Neubausiedlung nimmt dem Boden seine natürliche Funktion. Versiegelte Flächen können kein Wasser aufnehmen, keine Pflanzen tragen – sie sind biologisch tot. Zwar hat sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch durch Versiegelung zu senken: auf unter 30 Hektar pro Tag bis 2030 und auf Netto-Null bis 2050. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Aktuell werden in Deutschland immer noch etwa 55 Hektar für Siedlungsbau oder Verkehrsflächen umgewidmet – täglich!

Der großflächige Aufkauf von Ackerland durch Investoren wurde lange Zeit als ein Problem des Globalen Südens betrachtet, nimmt aber auch in Deutschland zu. Für die Menschen vor Ort bedeutet das sogenannte Landgrabbing oft den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Für die Böden bedeutet es industrielle Bewirtschaftung und Monokulturen.
Es muss davon ausgegangen werden, dass Pflanzenschutzmittel (Pestizide) einen Einfluss auf die Lebensgemeinschaft im Boden haben und diese Mittel die Bodenorganismen zumindest kurzfristig schädigen. Damit sich die Populationen von einer solchen Schädigung erholen können, bräuchten sie eine längere Periode ohne weitere Pflanzenschutzmitteleinsätze. Doch auf den meisten Äckern werden diese mehrmals im Jahr ausgebracht.

Pflanzen sind zum Wachstum auf Stickstoff und Phosphat angewiesen. Wenn allerdings über den Bedarf der Pflanzen hinaus gedüngt wird, wird das, was die Pflanzen nicht aufnehmen können, ausgewaschen und landet so im Grundwasser und in unseren Gewässern. Nitrat im Grundwasser ist das eine Folgeproblem, viel zu nährstoffreiche Oberflächengewässer das andere.

Durch fehlende Strukturen wie Hecken oder Feldrainen in der Agrarlandschaft, enge Fruchtfolgen oder den intensiven Anbau von Energiepflanzen sind Böden - insbesondere in Zeiten zunehmender Dürren und Starkregenereignissen - immer häufiger der Gefahr des Abtragens durch Wind und Regen ausgesetzt. Bodenerosion senkt langfristig die Fruchtbarkeit von Böden. Es dauert u.U. Jahrhunderte, bis sie sich regeneriert haben.
Der Boden ist die Grundlage allen Lebens an Land. Er verbindet Gestein und Lebewesen, speichert Wasser, Nährstoffe und Kohlenstoff und ermöglicht so das Entstehen und Fortbestehen von Pflanzen, Tieren und Menschen. Er ist ein lebendiges, uraltes Ökosystem und hat sich über Milliarden Jahre aus Gestein, organischer Substanz und unzähligen Organismen entwickelt. Boden erhält sich selbst – wenn der Mensch ihn nicht zerstört. Durch Bebauung, Versiegelung, Abtragung und Verschmutzung tun wir das – obwohl wir wissen, wie essenziell er für unser Überleben ist, und dass die Ressource Boden nicht erneuerbar ist. Beeinträchtigte Böden können nicht oder nur schwer wiederhergestellt werden.
Wir müssen erkennen, dass Bodenschutz eine moralische und generationenübergreifende Aufgabe ist.
Am 5. Dezember ist der Weltbodentag. Der Aktionstag wurde im August 2002 von der Internationalen Bodenkundlichen Union (IUSS) im Rahmen ihres 17. Weltkongresses in Bangkok ernannt. Mit dem Weltbodentag soll die Bedeutung unserer Böden hervorgehoben und für Bodenschutz geworben werden. Und das ist nötig, denn wir gehen nicht gut um mit unseren Böden.
Das Kuratorium Boden des Jahres hat es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem Jahr einen Boden des Jahres zu küren und vorzustellen. Neben Namen und Verbreitung werden historische Fakten, die vorherrschende Nutzung und aktuelle Nöte der jeweiligen Böden präsentiert. Ziel der Aktion ist es, zur Bewusstseinsbildung für Böden und ihre Funktionen im Naturhaushalt beizutragen und möglichst viele Menschen zu erreichen. Die Verantwortung für den Schutz der lebenswichtigen Ressource Boden und ihrer Funktionen soll verbessert werden.
Das Kuratorium Boden des Jahres ist ein Gremium der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft, des Bundesverbandes Boden sowie des Ingenieurtechnischen Verbandes für Altlastenmanagement und Flächenrecycling.
Weil das so ist, möchten wir Ihnen verschiedene Bodentypen vorstellen und damit deutlich machen, wie groß die Vielfalt ist. Meistens nehmen wir das gar nicht wahr. Achten Sie doch beim nächsten Spaziergang einmal darauf, wie sich der Boden unter Ihren Füßen anfühlt und schauen Sie genauer hin.